Niederschlag

WS 2020
Alexandra Isele und Julian Brües
Studio Rechbauer [AT02100], TU Graz
Einführung Dienstag 06.10.2020, 10:00 Uhr

Es regnet
Bauen ist der Kampf gegen das Wasser. Niederschlag ist der feuchte und nasse Eindringling. Er ist wandelbar, um in allen Formen und von allen Seiten in das Innere zu gelangen. Er tropft, nieselt, rinnt, strömt oder schüttet. Er kommt von oben. Er kommt von den Seiten. Er kommt von unten. Er kommt schräg.

Der Unterschlupf
Schützen wir uns vor Niederschlag, tun wir das vorrangig mit einem Hut, einem Regenschirm oder einem Dach. Das Dach ist aber nicht nur aufgesetzt. Es gibt den darunter liegenden Räumen Form. Es ist durch eine tragende Struktur vom Boden abgehoben. Mit dieser Struktur ist
es verbunden. Es gibt der äußeren Gestalt Ausdruck. Niederschlag wird in Form von First, Traufe, Ortgang, Rinne, Rohr und Becken sichtbar. Funktionale Erfordernisse werden zum Gestaltungselement.

Nur trocken?
Die Aufgabe ist ein bewohnbarer Ort. Die Auslegung folgt frei nach Roland Rainer’s Kommentar auf die Kritik an seinen Flachdächern:

„I hob imma no a trockenes Platzerl gfunden.“

Nebst dem trockenen Platzerl, enthält der Entwurf:
Eine nasse Stelle.
Eine warme Ecke.
Eine feuchte Kante.
Einen leckenden Fleck.
Eine zugige Nische.

Wohlbefinden
Befindlichkeiten sind Gradienten zwischen
unbewohnbar und bewohnbar. Komfort sind 25,2 Grad Innenraumtemperatur. Bodenheizung und Deckenkühlung. Durchschnittstemperatur im Winter und Sommer. Aber was wäre, wenn zur Unterscheidung von warm oder kalt auch die Frage nach dem trocken oder nass hinzukommt? Ist alles Nasse öffentlich? Steht Trockenheit für Privatsphäre? Unterschiedliche Behaglichkeiten sind aufregend. Unser Wertesystem wird hinterfragt. Neue bewohnbare Orte entstehen.

Kalte Füße
Es regnet, immer noch! Es bilden sich Pfützen. Es spritzt. Es ist matschig. Wasser versickert, neues kommt nach. In den Fokus tritt der Baugrund. Hier soll ein Sockel entstehen – eine Verankerung von Baumasse. Wollen wir uns vom Niederschlag erheben? Ein Gelände als Linie. Ein Sockel als Figur. Wir entwerfen aus dem Bauch. Synchron werden triefende Details gezeichnet, tropfende Modelle gebaut und plätschernde Situationen gelöst.

Das singende Detail
Je nachdem wie sich der Niederschlag seine Wege durch das Haus sucht und welche Bauelemente und Räume sich zwischen der Traufe und dem Gully auftun, nähern wir uns gewissermaßen einer inneren Logik folgend der Ausformulierung des singenden Details an und bauen es im Maßstab 1:1. Weiterlesen

Arbeit vorwiegend in Zweier-Gruppen.
Arbeitsort ist das Studio Rechbauer, zwei großzügige Räume, direkt am Institut angeschlossen.

Niederschlag
Buster Keaton in College
Haus Ruppen, Felippi Wyssen, 2017 (Foto: Fabio Felippi)
Stabkirche Borgund
House Vandenhaute-Kiebooms, Juliaan Lampens, 1967
Elementare Architektur, Raimund Abraham
Hill House, Charles Rennie Macintosh, 1904